Interview mit William Jurt - 4. Februar 2010
Leiter Direktverkauf und Mitglied der Geschäftsleitung der Migrol

Was passiert zurzeit mit den Erdöl- und Heizölpreisen?
William Jurt
Seit Wochen kostet Rohöl an den internationalen Märkten zwischen 70 und 80 Dollar pro Barrel. Es demonstriert damit eine bemerkenswerte Stabilität. Ein Ausbruch aus dieser Bandbreite könnte jedoch eine Trendwende einläuten.
Jahrelang hatten an den internationalen Warenterminbörsen die kommerziellen Händler das Sagen. Entscheidend für die Preisbildung waren stets fundamentale Faktoren wie Temperaturen, Verbrauch, Transportkosten oder eben politische Ereignisse. Mit zunehmendem Einfluss von branchenfremden Investoren und Spekulanten sind Preisprognosen schwieriger geworden. Investmentbanken und Hedge-Fonds sind mit ihrer Hatz nach dem schnellen Geld hauptverantwortlich für die erratische Preisentwicklung. Goldmann Sachs als Marktführerin in diesem Geschäft rechnet für das laufende Jahr mit einem Durchschnittspreis von 90 US-Dollar pro Barrel Rohöl. Das wäre dann gut und gerne 15% über dem aktuellen Stand an der Börse. Im Monatsrhythmus werden aber solche Prognosen regelmässig korrigiert, mehrheitlich nach oben. Verlass darauf gibt es also keinen.
Wie lange wird diese Situation anhalten?
William Jurt
Nun so lange, bis die wichtigsten Volkswirtschaften wieder positive Wachstumssignale aussenden oder sich die Wirtschaftserholung als Fata Morgana erweist. Je nachdem, geht es in die eine oder andere Richtung. Spekulanten auf der Hatz nach dem schnellen Geld, werden diesen Trend dann noch verstärken.
Eigentlich hat sich der hiesige Heizölverbraucher längst an die kräftigen Preisschwankungen des Heizöls gewöhnt. Nun ist der Heizölpreis aber seit Wochen bemerkenswert stabil. Der letzte Preisschub war hausgemacht und datiert vom 1.1.2010. Just zu diesem Zeitpunkt wurde nämlich die Umweltabgabe (CO2-Abgabe) verdreifacht. 600 Millionen Schweizerfranken soll sie dieses Jahr insgesamt einbringen. Als Lenkungsabgabe mit einer Rückerstattungsgarantie an die breite Bevölkerung getarnt, wurde sie damals vom Parlament eingeführt. Neu sollen davon 200 Millionen Franken für Partikular-Interessen abgezweigt werden.
Wie kann sich der geneigte Leser davor schützen?
William Jurt
Indem er sich mehr auf seinen Heizöl-Bedarf, denn auf Spekulation abstützt. Die Erfahrung aus den letzten Jahren zeigt, dass der günstigste Einkaufszeitpunkt in über 80% der Fälle im 1. Quartal lag, nämlich genau dann, wenn die Vorräte langsam zur Neige gingen. Dieses Szenario könnte sich auch dieses Jahr wiederholen. Mein Tipp: Verfolgen Sie unsere täglich aktualisierten Markt-News und die Preisentwicklung über unseren Heizöl-Preisindex.
Tatsächlich glauben Experten eher wieder an eine Verteuerung des schwarzen Goldes. Vor allem die Nachfrage aus den Schwellenländer des fernen Ostens könnte den Ton angeben und die Erdölnotierungen nach oben treiben. Auf jeden Fall reflektiert die Erdölbörse zur Zeit eher den Bullen als den Bären, wird doch dort der Sommerkontrakt Rohöl fast 20 US-Dollar höher gehandelt als für prompte Ware bezahlt werden muss. Wer lieber den Spatz in der Hand hält als die Taube auf dem Dach zu wissen, ergänzt seinen Vorrat mit Vorteil noch im ersten Quartal. Allerdings besteht immer noch die Möglichkeit eines „double deep“, nämlich dann, wenn der Wirtschaftsmotor wider Erwarten doch nicht anspringen sollte. Dann hätte man wenigstens das Oel für den nächsten Aufschwung bereits im Tank. Auch kein schlechtes Gefühl!
Also auf Sommerpreise zu warten lohnt sich demnach nicht mehr?
William Jurt
Die Mär von den günstigen Sommerpreisen ist seit Jahren definitiv passé. Nachdem die meisten Raffineren modernisiert wurden, spielt die Kopplungsproduktion keine grosse Rolle mehr. Demnach führt die erhöhte Benzinproduktion im Sommerhalbjahr nicht mehr automatisch zu einem höheren Heizölangebot. Entsprechend fehlt die frühere Ueberschussvermarktung fast gänzlich.
Langjährige Heizölverbraucher erinnern sich gerne an die sprichwörtlichen Sommerpreise. Mit grosser Regelmässigkeit war Heizöl im Sommer günstiger zu haben als im Winter. Damals führte die erhöhte Benzinproduktion in der Reisesaison automatisch auch zu einem höheren Heizölangebot. Seit die Raffinerien weitgehend modernisiert sind, spielt diese Kopplungsproduktion keine grosse Rolle mehr. Ein Blick auf die Preisentwicklung der letzten Jahre zeigt ein erstaunliches Bild. Für eine Tankfüllung musste meistens im 1. Quartal am wenigsten Geld in die Hand genommen werden und stets erreichten die Preise im 2. oder 3. Quartal ihren Kulminationspunkt.
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